Sonntag, 2. Dezember 2018

18. Der Mond, der Spiegel, der keine Gnade kennt


18. Der Mond 
oder ich vertraue mir selbst und ich spreche meine Wahrheit aus

18. Der Mond,



„Ich habe keine Angst“ - sprach die Königin und ging in die Flammen hinein.
Sie war nackt, ganz nackt und nur ein Kleid aus Wahrheit gewebt hüllte sie ein
 und das war alles, was sie besaß. Einzig die Wahrheit war ihr Juwel.

„Ich weiß, wer ich bin“ - sprach die Königin und ihre Worte waren ihre Krone. 
Nichts hätte herrlicher klingen können, als dieser Klarheit sanfte Melodie.
Nicht einmal Edelsteine würden sie mächtiger erscheinen lassen, kein Funkeln, 
kein Blinken, nichts als Schein und Gaukelei.

„Ich sehe die goldene Leiter und ich fürchte mich nicht davor, in die Hölle des
 Drachen herabzusteigen. Der Wächter der Mutlosen und Verzweifelten, der 
Bruder der Dunkelheit, der Herrscher verwirrter Gedanken, der wird mein
Verbündeter sein. Ich sehe das Tor zur Unterwelt und ich kenne das Geheimnis,
das Walten des Schicksals, das Spiel der lodernden Kräfte“ - so sprach die Königin.

 Menschen lernen ihre Ketten lieben. Menschen lassen sich von beklemmenden
 Gedanken irreführen. Menschen ziehen Gefängnisse aus Illusionen hoch und
werden zu den Untaten getrieben. Menschen bauen Altare aus seltsamen
 Klängen und finstere Mächte, mit Lügen bekleidet, führen sie durch das Labyrinth.

Der Mond zwingt auf die Knie und lässt Drachen und Dämonen aufsteigen.
In seinem Spiegel findet eine mysteriöse Begegnung statt. Die Begegnung mit 
dem, was am meisten Furcht einflößt - mit uns selbst.
Die Schreckensbilder der Seele, die vergessenen Kinder der Nacht, die Stimmen 
im Kopf, die der Sehnsucht entgegenschauen, hören nicht auf zu schreien und 
immer lauter werden die Töne. Das Nichtausgesprochene, das Unterdrückte, 
das Verschwiegene, das Wahnsinnige, das Nebulöse, das Animalische, das 
Verborgene, das Verstoßene – all das, was sich dem engen Korsett der Norm
 entzieht, was den Atem raubt, nimmt Besitz von uns und lässt uns nicht los.

Solange die Hand den unsichtbaren Faden festhält, die Schlangen, Spinnen, 
Drachen und Skorpione nährt, solange bleibt das Tor in die Freiheit unsichtbar. 
Dort, wo die Furcht am größten ist, dort am Drachenfuß beginnt das Mysterium. 
Nur wenn wir zugeben, wer wir sind, können wir bekommen, was wir wollen.

Ich weiß, wer ich bin. Ich bewege mich auf einem schmalen Grat zwischen der
 Erneuerung und der Zerstörung. Ich bin das Gift und ich bin die Heilung.
Ich bin die Schlange.

Ich weiß, wer ich bin. Mein Königreich heißt Stirb und Werde. Möge das Alte 
sterben und möge das Neue geboren werden.
Ich bin der Skorpion.

Ich weiß, wer ich bin. Der Mondenschein trügt und die klebrigen Fäden der 
Illusionen fordern Tribut. Ich verlasse mich auf meinen Instinkt.
Ich bin die Spinne.

Vor der Nacht fürchte ich mich nicht.
Ich bin bereit, die goldenen Stufen in die Unterwelt, in das nebelige Gewässer
des Unbewussten herabzusteigen. Tief in den Spiegel zu schauen und hinter der
 Fassade, hinter der Maske, dem Ungeahnten zu begegnen. Die Menschen
glauben an das, was sie sehen, doch das äußere Auge trügt und wählt den
leichten Weg, abseits der schmalen Pfade ohne Schilder und Wegweiser.
Ich vertraue mir.

Am Tore des Unbewussten lausche ich dem Geflüster des Mondes, und die 
längst vergessenen Träume nehmen Gestalt an.
„Komm uns entgegen, lass die Drachenkraft fließen, lass Feuerfunken tanzen, 
lass die rote Melodie die Vergangenheit umwandeln!“.
 Ich verlasse mich auf meine Intuition, auf die leise Stimme, auf das Lied im
Bauch - Unscheinbares. 
Die Mysterien jenseits der Sprache und jenseits der Zeit
 beginnen ihren Weg empor zum Mondenlicht.

Grażyna Jansen



Ich wünsche Euch alles Liebe, Eure Grażyna




Quelle:http://indulgy.com/source/zsazsabellagio.blogspot.com


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1 Kommentar:

  1. Wunderbare Zeilen, liebe Grazyna!
    Ich wünsche Dir einen guten Start in eine wundervolle neue Woche!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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